Tongariro National Park, NZ, 21.01.2009
Wow eine Wanderung. Wie spannend, bitte erzähl mehr, gähn. – Naja irgendwie schon und dann auch wieder nicht. Immerhin sind wir hier in Neuseeland und da ist ja sowieso immer alles besser größer, öfter oder spektakulärer. Wie auch immer….
Das Tongariro Alpine Crossing ist eine der besten Ein-Tages-Wanderungen der Welt. Sagt man. Das Wort „Ein-Tages-Wanderung“ ist hier besonders hervorzuheben, weil es eine Kategorie von Wanderungen beschreibt die an einem Tag, sprich ohne Übernachtung, zu bewältigen sind. Für den Durchschnittsbackpacker/touristen sind das die wirklich interessanten Wanderungen, da für alles was länger dauert mehr Zeit, Geduld und v.a. Geld in Form professioneller Ausrüstung (der Aldi Schlafsack tut es bei 2000m Höhe eben nicht mehr) eingeplant werden muss.
Weiterhin ist das Tongariro Crossing offiziell einer von Neuseelands „10 Great Walks“, das sind von der Regierung ausgezeichnete, besonders tolle Wanderwege (eine der Wanderungen ist übrigens lustigerweise eine 3 Tages Kanutour auf nem Fluss).
Hinzukommt, dass einer der Berge an denen man vorbeispaziert der Schicksalsberg aus Herr der Ringe ist. Also der wurde dafür gefilmt. Der wo Frodo den Ring reinwirft in Mordor mit dem Sauron-Auge und so.
Soweit so schön. Meine eigentlichen Beweggründe dafür mich freiwillig 19km durchs Gebirge zu schleppen sind natürlich wie immer weit niederer Natur: Ruhm und Ehre. Jeder nicht vollkommen spaßbefreite Tourist/Backpacker der etwas auf sich und sein „more than average“ Fitness Level hält macht das hier mit. Da darf ich selbstverständlich nicht fehlen.
Da wir nicht vollkommen planlos ins 19km lange Verderben wandern wollen, suchen wir einen Tag vor dem geplanten Start das örtliche Informationscenter auf. Da wird uns erklärt, dass wir gut vorbereitet sind wenn wir mindestens genauso dumm wie die Frau auf dem Bild aussehen. Nunja. Auf unsere Frage hin wie wir denn am nächsten Tag am besten zum Startpunkt unser Wanderung gelangen, reagiert die Infodame mit einem freundlichen aber bestimmten Kopfschütteln – Morgen ist nicht wandern weil zu viel Wind. Auf meine Bitte hin diese Aussage etwas zu konkretisieren, sagen wir auf der Skala von „Mach die Tür zu – zieht!“ bis zu „Hurricane Katrina“, bekomme ich wieder das Kopfschütteln, diesmal jedoch weniger freundlich und in Kombination mit diesem resignierten etwas ungläubigen und mir während meines Backpackerlebens nun schon viel zu oft geschenkten Blicks, der grob übersetzt vermutlich folgendes ausdrücken soll: „Du intelligenzbefreiter Idiot. Meinst du bist hier der Tourist und das Wetter und alles tanzt nach deiner Nase und deinem Zeitplan. Du hast doch noch nie nen Berg von oben gesehen und nicht die leiseste Vorstellung auf was du dich da eigentlich einlassen möchtest.“ Netterweise drückte sie sich etwas gewählter aus: „You bloody fool. If you do the hike tomorrow, you gonna get blewn off that mountain.”
Nach 3 Tagen Wind und Regen die wir mit nichts tun und Herr der Ringe DVDs gucken verbrachten, konnte es dann endlich losgehen. Der Shuttle Bus setzte uns und die anderen 400 Touris/Backpacker, die ebenfalls auf gutes Wetter gewartet hatten, bei strahlendem Sonnenschein am Startpunkt ab. (Um das Benutzen eines Shuttlebusses, der Backpackerunfreundliche 30NZ$ für eine einfache 15min Fahrt nimmt, kommt man leider nicht herum. Die Wanderung beginnt schließlich irgendwo im nirgendwo und der Startpunkt (lies Autoparkplatz) ist nicht der Endpunkt. D.h. nach erschöpfenden 19km Wanderung ist man exakt 19km von seinem Transportmittel entfernt. Unpraktisch. Hinzukommt das Alle (d.h. Touristeninformationen, Locals, Hostels, Lonely Planet) davon abraten sein Auto da zu parken, weil wegen Einbruch, Diebstahl und Vandalismus. Also nimmt man den Bus)
Die ersten 2h wanderten sich ganz gut. Mit meinen neu und kostengünstig (NZ$90) erworbenen Northface Wanderschuhen fühlte ich mehr als gut equipped. Sie liefen sich auf dem steinigen Terrain tatsächlich angenehmer als meine Flip Flops in denen ich alle bisherigen Wanderungen (tropischer Dschungel, Möchtegern Gebirge) absolviert habe. Nach 2h stehen wir vor Mt. Ngauruhoe, dem Schicksalsberg aus Herr d. R. Der Anblick ist überwältigend. Ein riesiger schwarzer Krater, der aussieht, wie man sich einen klassischen Vulkan vorstellt. Einladend ist anders. Der Berg wirkt abweisend. Es fällt leicht sich vorzustellen, warum Mr. Jackson sich für seinen Film genau diesen Berg als Wohnsitz des Superbösen ausgesucht hat.
Während wir da so stehen bemerken wir einige kleine Figuren die sich langsam den steilen Krater hoch quälen. Ein Blick in die Karte verrät: Mt. Ngauruhoe ist nicht Bestandteil des eigentlichen Tongariro Crossings aber (theoretisch) besteigbar. Erklärt die Broschüre. Nach Abwägen des Für und Widers beschließen wir, dass die Worte: „hazardous“, „very dangerous“, „should be avoided“ und „take extra care“, die vergleichsweise oft in dem kurzen Begleittext zu Mt. Ngauruhoe auftauchen sich an den durchschnittlich fitten, tollpatschigen Touristen wenden müssen (von denen wir uns ja aus Prinzip distanzieren) und machen uns auf den Weg bergauf. Nach 30 Minuten komme ich zu folgenden zwei Erkenntnissen: Das Erklimmen von 1000 Höhenmeter dauert überraschenderweise ein wenig länger als ein 1km Spaziergang im Wald. Und, es ist doch faszinierend in welch steilem Winkel der Mensch noch „gehen“ kann. Weitere 30 Minuten später beschäftigen mich v.a. folgende zwei Gedanken: Den Rucksack mit der gesamten Kleidung unten zurückzulassen war wirklich die beste Idee des Tages. In 2000m ist es irgendwie deutlich kälter und windiger als weiter unten - nur mit kurzer Hose, T-Shirt und Digicam bewaffnet mich keuchend den Berg hoch schleppend sehe ich genauso aus wie der dumme, leichtsinnige, unerfahrene Tourist der ich bin. Sowie: Runterkommen wird uncool und sehr rutschig. Als wir nach insgesamt 2h endlich oben angekommen sind, sind wir vom An- und Ausblick sowie unser eigenen Leistung mehr als fasziniert. Wir nehmen unser Mittag auf 2287m ein und ich bin dankbar, dass es sich hier um einen der aktivsten Vulkane des 21. Jhdts. handelt – die ganze thermische Aktivität hält mich wenigstens ein bisschen warm.
Der Abstieg war dann der eigentliche Spaß. Mehr oder weniger kontrolliert rutschen wir die 1200 Höhenmeter des steilen Abhangs hinunter. Hochkonzentriert um im Falle eines Gleichgewichtsverlusts eine Landung auf dem Hinterteil dem unkontrollierten Herunterrollen hunderter Meter vorzuziehen, kommen wir dem Tal mit großen Sprüngen näher, nicht ohne dabei den elegant an uns vorbeimarschierenden mit Wanderstöcken und Beinschonern überequippten Zweierpärchen von Österreichern neidische und zugleich verachtende Blicke zuzuwerfen.
Unten angekommen bin ich überrascht, dass wir es alle drei ohne relevante Schäden hoch und auch wieder runter geschafft haben. Nach oberflächlicher Versorgung meiner beiden tiefen und irrelevanten Schienbein-Schnittwunden in Andenkengröße ging es dann wieder weiter mit dem eigentlichen Crossing. Irgendwie dachte ich mit der Erklimmung des Berges hätten wir das gröbste Stück bereits geschafft. Der nächste Wegweiser lässt mich dann realisieren, dass der Berg ja dann irgendwie nicht Bestandteil der eigentlichen Wanderung war und noch 13 fordernde Kilometer vor uns liegen. Als ungefähr noch 12,95 km zu bewältigen waren, hatte ich keine Lust mehr. Nunja es half nichts. Und so kletterten und rutschten wir die restliche Strecke bei sich deutlich verschlechterten Wetterbedingungen (Wind + kalt!) bis ins Ziel um festzustellen, dass wir eine Stunde zu spät für unseren Shuttlebus waren. Dieser hatte uns am Morgen beim Absetzen recht deutlich zu verstehen gegeben, dass er gedenkt uns alle um Punkt 16.00 Uhr wieder abzuholen. Wer 16.00 Uhr nicht schaffe, aus welchen Gründen auch immer (Bein verloren, Stein im Schuh, zu viele Powernaps, vom Yeti entführt) der hätte eben Pech, der Bus käme jedenfalls nicht noch mal.
Und mit dieser Aussage sollte der sympathische, umwerfend desinteressierte, nachhaltig ignorante und dabei interessant unverantwortliche Fahrer auch Recht behalten.
So standen wir also da mitten im Nirgendwo, recht stolz auf unsere Tagesleistung doch zugleich in freudiger Erwartung einer warmen Dusche und hofften das bald etwas passiert. Während meine Versuche dem Shuttle Bus Betreiber meinen Unmut über seinen eher ausgedünnten Fahrplan näherzubringen an der (für einen Nationalpark recht überraschend) nicht existenten Mobilfunknetzabdeckung scheiterten, kam plötzlich dieser Mann aus dem Wald zum Parkplatz gelaufen. Wie sich herausstellte war er die 19km soeben in 2:38h gejoggt, nachdem er die selbe Strecke in die andere Richtung am Vormittag abgewandert und dabei den von uns ebenfalls erkletterten Mt. Ngaurohoe sowie zwei weitere Berge bestiegen hat. Während ich immer noch ungläubig über diese Leistung nachdachte und versuchte sie in Relation zu dem was ich heute vollbracht habe zu bringen, sind wir auch schon fast wieder am Hostel – der Übersportler hatte sich freundlicherweise bereit erklärt uns mitzunehmen. Nach heißer Dusche falle ich ins Bett und schaffe es noch die Hälfte dieses Texts zu schreiben und zu folgendem Tagesresultat zu kommen:
Positiv:
- Crossing geschafft + zusätzlich Berg bestiegen, damit immerhin etwas vom Durschnittstouri/Backpacker abgehoben.
- Schöne Wanderung mit Natur und so.
- Kostenlos von schottischem Extrem-Sportler nach Haus gefahren worden
Negativ:
- 19km +3km Berg hoch müssen jetzt auch nicht jeden Tag sein.
- Schnittwunden sind irgendwie tiefer als gedacht inkl. Vulkangestein als Andenken
- Knie verdrehen beim Abstieg tut nicht gut – aber man kann die letzten 8km auch mit Knieschmerzen wandern/auf einem Bein hüpfen wenn man keine Wahl hat.
- Super Sonnenbrand an den Waden habe ich auch noch heimgebracht – Screw You Höhensonne!
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