Samstag, 4. Oktober 2008

Die Hinreise

Im ICE 634 zwischen Berlin und HH, 04.10.2008

„So that’s it than“. Dachte ich.
So geht das also, man sitzt im ICE und das ist die erste Station auf dem Weg in die Weite Welt. Irgendwie überraschend unspektakulär. Ein bisschen Zeit zum Nachdenken während man noch in der deutschen Zeitzone und Gedankenwelt ist. Ok soviel Zeit auch wieder nicht. Der ICE braucht von Berlin nach Hamburg ja nur 1h20min. (Ok. Ok es sind 1h 40min zur Zeit, dank des mit Steuergeldern subventionierten, qualititativ nicht ganz so hochwertigen Neubaus der Hochgeschwindigkeitsstrecke B-HH). Trotzdem Zeit zum Nachdenken also: Warum ich mich überhaupt für diese Reise entschieden habe, warum ich irgendwie immer noch nicht aufgeregt bin, ob ich überhaupt realisiert habe, dass ich die nächsten 10 Monate am anderen Ende der Welt bin und was verdammt nochmal ich alles eingepackt habe, dass mein Rucksack so schwer ist...
Ich glaube das ist irgendwie ein deutscher Traum. Allem zu entfliehen. Dem Korsett aus Verpflichtungen, Spießertum, Schlechtem Wetter, Alltag. Ans andere Ende der Welt. Sonnenschein. Easy Going. Laid Back. Reisen, was erleben. Keine Verpflichtungen. Aber trotzdem mit Netz und doppeltem Boden (Australien gilt als sicherer als D. und das bessere Gesundheitssystem hat es auch) und natürlich dem Rückflugticket. Also Abenteuer ja, Gefahr nein. Eine typisch deutsche Argumentation wie ich finde. Wobei daran überhaupt nichts auszusetzen ist. Wie auch immer, Fakt ist Australien scheint ein sehr beliebtes Reiseziel für die 19-35 Jährigen Deutschen zu sein. Jedem dem ich von meinen Plänen erzählt habe, kennt jemanden oder kennt jemanden der jemanden kennt, der schon mal downunder war, ist oder bald sein wird. Wenn ich das mal grob überschlage, komme ich zu dem Ergebnis, das bereits jeder zweite Deutsche Australien besucht haben muss. Ähmm ja oder auch nicht. Vermutlich vermisst meine kleine Kopfrechnung hier diverse entscheidende Faktoren, wie die Möglichkeit, dass alle immer nur die gleiche Person kennen, die da war und….
Wie auch immer. Wie ich auf die Idee kam, nach Australien zu reisen? Ich kann mich nicht mehr dran erinnern. Ich glaube die Idee/den Traum habe ich schon seit meinem 18. Lebensjahr. Damals nach dem Abitur ist das nichts geworden. Doch jetzt nach Erststudium ist eigentlich der ideale Zeitpunkt. Also wenn nicht jetzt wann dann, dachte mir und mit dem Kauf des Flugtickets vor 3 Monaten war das dann irgendwie schon beschlossene Sache.
Warum ich nicht aufgeregt bin? Keine Ahnung. Vielleicht weil es nicht der erste Interkontinentalflug ist? Vielleicht weil ich mir einbilde alles gut durchgeplant und an alles gedacht zu haben. Oder vielleicht auch weil ich gerade Hunger habe. 8min Umsteigezeit am Hauptbahnhof braucht man wirklich. Zumindest wenn man ins UG muss. Es überrascht mich immer wieder. Zeit für Schlangestehen bei Kamps bleibt da nur bedingt. Außerdem haben diese DB Züge ja so eine lächerliche Taktung. Jede Stunde fährt der nach Hamburg. Die Berliner S-Bahn fährt alle 3min. Da darf man wenigstens auch mal eine verpassen.
Vermutlich habe ich es einfach noch nicht realisiert. Ich war wirklich überrascht was man für 10 Monate Abwesenheit aus Deutschland alles organisieren muss. Angefangen bei der Meldung beim Arbeitsamt bis zu dem Versuch seinen Fitnessstudio-Vertrag zu pausieren. An dieser Stelle ein ganz großes Dankeschön an die Elixia Fitnessgruppe. Ihr seid ganz großes Kino! Natürlich habe ich vollstes Verständnis dafür, dass Hin- und Rückflugticket euch nicht als Nachweise für meine 10monatige Abwesenheit ausreichen. Kann ich schon verstehen.
Wie auch immer. Ich war irgendwie noch bis zu einem Tag vor Abflug mit administrativem Kram beschäftigt und wenn es auch nur die Kündigung für meinen in 11 Monaten auslaufenden Handyvertrag war, kostet alles Zeit.
1-2 Wochen vorher muss man schon anfangen, weil zu packen hat man ja auch einiges, bzw. manche zu packende Dinge sind auch erst noch zu besorgen. So z.B. die auf vielen deutschen Webseiten als absolut essentiell bezeichnete Funktions-Regenjacke. An der man jeden deutschen Touristen schon auf 300m erkennt. Nen einfacher Regenschirm tut es nämlich für unser Technologie verliebtes Volk nicht. ( So eine Jacke gibt es übrigens für einen nachvollziehbaren Betrag im Galerie Kaufhof zu erstehen – hab für meine 70€ bezahlt. In den Outdoorläden fingen die hässlichen gerade mal bei 200€ an).
Ja und dann muss man sich auch noch überlegen, was man denn jetzt alles einpacke möchte. Weil man plant ja für 10 Monate im Voraus. Das ist schon krass. Da möchte man nicht zu viel mitnehmen, sonst schleppt man das die ganze Zeit ungenutzt mit sich rum, aber auch nicht zu wenig, sonst muss man noch unnötig Sachen erwerben die man eigentlich ja schon besitzt.

Mir ist das mit dem Packen nicht so ganz gelungen offensichtlich. Mein Rucksack fühlt sich verdammt schwer an. Ich frag mich nur, warum? Waren Fön, elektrische Zahnbürste, 4 Paar Schuhe, die 6 Bücher und der Anzug vielleicht doch zu viel?
Spaß, auf den ganzen Luxuskram habe ich natürlich von vornherein verzichtet (wobei mir das mit der elektrischen Zahnbürste wirklich schwer fiel!).
Ich habe jedenfalls am Hamburger Flughafen noch schnell ein Päckchen mit Sachen, von denen ich mir in letzter Minute überlegt habe, dass ich sie doch nicht brauche, gefüllt und nach Hause geschickt. Waren überraschenderweise noch einmal 3 Kilo.

Stolz auf dieses Glanzbeispiel guter Pack-Planung setze ich mich in das für die Economy Klasse vergleichbar komfortable Emirates Flugzeug und lande geschätzte 6h später in Dubai wo ich mich schon auf mein von Emirates gesponsertes Hotel freue (Stichwort „flugplanbedingte Übernachtung“). Meine Freude wird dann am Gepäckband erstmals getrübt. Mein Rucksack ist einfach nicht dabei. Für einen Moment überlegt man ja in einem solchen Moment, ob nicht die Möglichkeit besteht, dass das eigene Gepäck doch noch auf dem Band erscheint und sich einfach nur etwas verspätet hat. Passiert natürlich nicht und nach weiteren 5 min. unergiebigen Wartens tritt man meistens seinen Weg zum „Claim Lost Baggage“ Schalter an. So auch in meinem Fall. Während ich verschieden Möglichkeiten durchspiele, wie ich den potentiellen Verlust meines Backpacks in Sydney ausgleichen könnte und gleichzeitig abzuwägen versuche wie viel Wahrheit wohl eigentlich in den verbreiteten Horrorstories von verlorenem und nie wieder angefundenem Gepäck steckt, trete ich vor den Schalter und freue mich schon darauf mich gleich künstlich aufregen zu können, was im übrigen sonst nicht so meine Art, in einer solchen Situation aber durchaus angebracht ist. Die arabische Emirates-Service Mitarbeiterin (deren Ethnologischer Hintergrund eigentlich keine Rolle spielt, weil sie selbstverständlich perfekt Englisch sprach; den ich aber trotzdem erwähne um meinen Lesern einen umfassenderen Eindruck des Charakters meines Gesprächspartners vermitteln zu können – so macht das die Rosamunde Pilcher in ihren Romanen schließlich auch immer), begrüßt mich, vermutlich in Erwartung dessen, was gleich passieren wird, mit einem amüsierten und zugleich genervten Blick. Sie macht kurzen Prozess mit meiner künstlichen Aufregung und erklärt mir kurz aber eindringlich, dass mein Gepäck bereits auf dem Weg nach Sydney sei, was bei solchen Flügen Standard sei und im übrigen auch deutlich sichtbar in meinem Ticket vermerkt sei und mich die Kollegen in Hamburg sehr wahrscheinlich auch deutlich darauf hingewiesen hätten. Die letzteren beiden Sachen konnte ich eigentlich verneinen, beendete die Diskussion aber trotzdem mit einem „Thanks anyway. Bye“.
Naja immerhin ist es nicht verloren gegangen. Blieb nur noch ein Problem. Waschtasche („washing bag“ ist übrigens eine durchaus gebräuchliche englische Übersetzung dafür) und Schlafzeug waren im Backpack und ich musste ja eine „flugplanbedingte Übernachtung“ im Dubai Emirates Airport Hotel verbringen. In eben erwähnter Unterkunft gab es glücklicherweise einen 24h Duty Free Shop, wo die erworbene Zahnbürste und Zahnpasta mein Budget auch nur mit 10€ belastet haben.

Sieben Filme im Emirates On-Demand Bordkino und gefühlte 100h später lande ich tatsächlich am frühen Morgen am Sydney Kingsford Smith Airport um festzustellen es regnet. Aber immerhin ist es warmer Regen.
Nach unkompliziertem Einchecken in das im voraus gebuchte Hostel beschließe ich noch zu einer Sightseeing Tour aufzubrechen um mich so, trotz meiner bleienden Müdigkeit, dem lokalen Tag/Nachtrhythmus anzupassen und nicht vor 21 Uhr ins Bett zugehen um so dem Jetlag von Anfang an effektiv entgegen zu wirken . Das klappt zuerst auch ganz gut doch irgendwann so gegen 16.30 Uhr werde ich plötzlich so übertrieben müde, dass ich fast mitten im Gehen in all den Menschenmassen einschlafe. Ungelogen – ich hatte wirklich Angst einfach stehen zu bleiben und in Tiefschlaf zu verfallen. Zwei Dosen Redbull und ein Liter Coca Cola bringen mich dann doch noch ins rettende Hostel, wo ich noch zu folgendem Schluss kommen kann, bevor ich einen langen, tiefen Schlaf falle: Jetlag is a Bitch!!!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen